Kongo: Der UN-Sicherheitsrat stellt der Demokratischen Republik Kongo Ultimatum

Das Ultimatum fordert die Aufklärung von vermutlich mehr als 100 Vergewaltigungen durch die kongolesische Armee. Gleichzeitig wurde den Soldaten der UN-Mission erlaubt offensiv gegen die Rebellen im Osten des Landes vorzugehen.  Erst am 13. März 2013 meldete der Spiegel, dass Regierung und Rebellen ein Friedensabkommen vorbereiten würden, und das Ende des Bürgerkrieges bevor steht.
Diese Meldungen zeigen wie unübersichtlich die Situation tatsächlich ist.
Die Auseinandersetzung im Kongo werden mit eine ungeheuren Grausamkeit aller Beteiligten geführt.

Leider fokussieren solche Meldungen die Aufmerksamkeit aber auch so auf die aktuelle Situation so, dass die Hintergründe und Ursachen der Konflikte aus dem Fokus verschwinden. Tatsächlich glaube ich aber das es so etwas wie ein kollektives Gedächnis gibt, in das sich das von einer Gruppe oder einem Volk erlebte sich darin einbrennt und so die Zukunft prägt. Deshalb ist die von Leopold II von Belgien vorgelebte Grausamkeit möglicherweise eine Quelle aus der die Grausamkeiten im Kongo von Heute gespeist werden.

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Leopold II von Belgien

Als Belgien den Kongo 1960 überstürzt in die Unabhängigkeit entließ, hatte das Land mehr als 80 Jahre Kolonialherrschaft hinter sich. Ab April 1885 betrachtete sich der belgische König Leopold II den Kongo als sein privates Eigentum. Hintergrund war die von Bismarck initiierte Konferenz „Kongokonferenz“.
Teilnehmer waren Vertreter der USA, des Osmanischen Reiches und der europäischen Mächte Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Russland, Spanien, Schweden-Norwegen. Als Mann von Leopold II in Afrika nahm auch Henry Morton Stanley teil . (Die Arte Dokumentation „1885 Der Sturm auf Afrika – Ein Kontinent wird (auf)geteilt“ stellt diese Konferenz nach.)
Mit Stanley als Fürsprecher wurde der Kongo Belgien, als damals unbedeutender Kolonialmacht, „für die Krone“ überlassen, da die anderen europäischen Mächte vor allem am Mündungsgebiet des Kongo interessiert waren. Ergebnis der Konferenz war die „Kongoakte“, die u.a folgendes regelte:

  • Die 14 Signatarstaaten genossen Handelsfreiheit im gesamten Einzugsgebiet des Kongos sowie des Njassasees und östlich davon im Gebiet südlich des 5. nördlichen Breitengrades. Das umfasst die heutigen Staaten Demokratische Republik Kongo, Republik Kongo, Uganda, Kenia, Ruanda, Burundi, Tansania und Malawi sowie den Großteil von Zentralafrika, den Süden von Somalia, den Norden von Mosambik und Angola sowie kleinere Teile von Gabun, Kamerun, Südsudan, Äthiopien und Sambia.
  • Die Flüsse Niger und Kongo wurden für die Schifffahrt freigegeben.
  • Das Verbot des Sklavenhandels wurde international festgelegt.
  • Der Grundsatz wurde festgeschrieben, dass nur jene Macht das Recht auf Erwerb einer Kolonie haben sollte, welche sie tatsächlich in Besitz nahm (Prinzip der Effektivität).
  • Für den Fall bewaffneter Konflikte zwischen Vertragsstaaten wurde die Möglichkeit der Neutralität der „im konventionellen Kongobecken einbegriffenen Gebiete“ vorgesehen (Artikel 10–11). Die Begrenzung des Gültigkeitsbereiches ist im Artikel 1 genau geregelt.
  • In parallel verlaufenden Verhandlungen und der Abschlusskonferenz wurde der Kongofreistaat als Privatbesitz der Kongogesellschaft bestätigt. Das Territorium der heutigen Demokratischen Republik Kongo mit mehr als zwei Millionen Quadratkilometern gehörte damit praktisch Leopold II.

Was dann im Kongo als Besitz des belgischen Königs Leoold II statt fand, ist unter der Bezeichnung „Kongogräul“ in manchen Geschichtsbüchern verzeichnet.

Für die Kongolesen begann ein Alptraum: Trotz gegenteiliger Erklärungen in der Kongo-Akte wurden sie versklavt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Allein unter der Regentschaft Leopold II., den Stanley als Philanthropen bezeichnete, sollen bis 1909 laut Schätzungen bis zu zehn Millionen Menschen ermordet worden sein.

Um die Kongolesen zu zwingen, soviel Kautschuk wie möglich zu sammeln, was mit dem Erklettern der Bäume verbunden war, erwies sich ein einfaches Aneinanderketten der Menschen als unpraktikabel. Die Lösung boten zwei Ideen an: Die Geiselhaft und das Hände-Abhacken.
Geiselhaft
Jedem Dorf wurden Quoten nach Liefermenge und -frist auferlegt (entweder in zwei oder in vier Wochen – je nach Entfernung des Dorfes von der nächsten Sammelstelle). Als Gewähr wurden die Frauen als Geiseln genommen. Kamen die Männer zu spät oder lieferten nicht genügend Kautschuk ab, wurden die Frauen umgebracht. Oft starben die Frauen durch die Entbehrungen in der Geiselhaft. Auch Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Oft hackten die Männer die gesamte Kautschuk-Ranke ab, was mehr einbrachte. Die Ranke jedoch starb ab, so dass

Hände

Abgehackte Hände als Strafe

die Männer mit der Zeit immer weiter in den Dschungel mussten, um genügend Material zu finden. In Reaktion darauf wurde das Abhacken der Ranke verboten und mit dem Tode bestraft. Weigerte sich ein Dorf oder gab es einen Aufstand, wurde es zerstört und alle Bewohner, Frauen, Männer oder Kinder, wurden erschossen. Die geforderte Kautschukmenge war so hoch, dass sie eigentlich nur durch unablässige Arbeit bei Tag und Nacht gewonnen werden konnte. Wer die geforderte Menge nicht erreichte, galt als faul und wurde hart bestraft.
Die andere ausgeübte Methode war das Hände-Abhacken. Die Force Publique, wie die Armee des Kongo-Freistaats hieß, bestand aus Schwarzen – nur die Offiziere waren Weiße. Über jede abgegebene Patrone wurde genau Buch geführt. Damit die Soldaten mit ihrer Munition nicht auf die Jagd gingen oder sie etwa für einen Aufstand zurückbehielten, musste genau Rechenschaft für jede abgeschossene Patrone gegeben werden. Dies wurde durch die Formel „für jede Kugel eine rechte Hand“ gelöst: Für jede Kugel, die abgeschossen wurde, mussten sie den von ihnen Getöteten die rechte Hand abhacken und sie als Beweis vorlegen. Oftmals wurden Lebenden die Hände abgehackt, um verschossene Munition zu erklären. Es kam auch vor, dass „motivierte“ Soldaten (die sehr viele Hände zurückbrachten) frühzeitig aus dem harten Dienst in der Armee entlassen wurden. Auch diese Vorgehensweise begünstigte das Hände-Abhacken. Die Hände wurden geräuchert, um sie länger haltbar zu machen, da es lange dauern konnte, bis ein weißer Vorgesetzter die Anzahl der Hände kontrollieren konnte.

Die Reportage „Afrika – Kongogräuel, Weisser-König, roter-Kautschuk, schwarzer-Tod“ hält uns den Spiegel vor wenn wir als „zivlilisiert“ Europäer uns moralisch über die Grausamkeiten erheben wollen.
Video ca. 90 Min.

 

Und heute? Nicht nur die Ausbeutung hat sich fortgesetzt. Auch die Verletzung fundamentaler Menschenrecht setzt sich fort. Amnesty International führt 2012 in seinem Bericht zur Demokratischen Republik Kongo aus:
„Trotz geringfügiger Fortschritte blieben völkerrechtliche Verbrechen in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) weiterhin straflos. Die Sicherheitskräfte der Regierung und bewaffnete Gruppen verübten zahlreiche Menschenrechtsverletzungen im Osten der DR Kongo.

  • Menschenrechtsverstöße bewaffneter Gruppen: Bewaffnete Gruppen, darunter die LRA, die FDLR, die FLN, die ADF/NALU und mehrere Mai-Mai-Gruppen verübten Berichten zufolge zahlreiche Menschenrechtsverstöße gegen Zivilpersonen. Dazu gehörten Vergewaltigungen, Tötungen, Plünderungen und Entführungen, die hauptsächlich in den Provinzen Orientale sowie Nord- und Südkivu stattfanden.
  • Rechtswidrige Tötungen: Die Vor- und Nachwahlzeiten waren durch rechtswidrige Tötungen und zahlreiche willkürliche Festnahmen gekennzeichnet, die sowohl von den staatlichen Sicherheitskräften, darunter auch die Republikanische Garde (Guarde Républicaine), durchgeführt wurden.Berichten zufolge griffen am 4. Oktober 2011 Kämpfer der Mai-Mai Yakutumba in Kalongwe im Verwaltungsbezirk Fizi in Südkivu ein Fahrzeug an, das der kongolesischen NGO Eben-Ezer Ministry gehörte. Dabei wurden sieben Personen, darunter vier Mitarbeiter der NGO, getötet.Es gab Berichte, wonach Mbororo-Nomaden in den Verwaltungsbezirken Ango, Banda und Buta der Provinz Orientale seit September 2010 Opfer von Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch Soldaten der FARDC und Angehörige der Nationalen Kongolesischen Polizei (Police Nationale Congolaise – PNC) geworden sind.Nachdem Präsident Joseph Kabila am 9. Dezember 2011 zum Sieger der umstrittenen Wahlen erklärt worden war, sollen kongolesische Sicherheitskräfte mindestens 24 Menschen getötet haben, die meisten davon in der Hauptstadt Kinshasa.
  • Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Am 31. Dezember 2010 und am 1. Januar 2011 sollen Soldaten der FARDC Massenvergewaltigungen in den Dörfern Bushani und Kalambahiro im Verwaltungsbezirk Masisi in der Provinz Nordkivu begangen haben. Am 1. und 2. Januar 2011 begingen FARDC-Soldaten in der Stadt Fizi Massenvergewaltigungen. Am 27. April soll ein Angehöriger der PNC ein 16-jähriges Mädchen in Mbuji-Mayi, der Hauptstadt der Provinz Kasai-Oriental, vergewaltigt haben. Zwischen November 2010 und Januar 2011 vergewaltigten FDLR-Kämpfer mindestens 102 Frauen und ein Mädchen bei Angriffen auf Dörfer in den Provinzen Katanga und Südkivu. Nach Zusammenstößen zwischen den bewaffneten Gruppen Mai-Mai Sheka und Alliance des Patriotes pour un Congo Libre et Souverain sollen Angehörige beider Gruppen im Juni Massenvergewaltigungen in Mutongo und den umliegenden Dörfern im Verwaltungsbezirk Walikale in Nordkivu begangen haben.
  • Kindersoldaten: Obwohl Hunderte von Kindern freigelassen worden waren, rekrutierten bewaffnete Gruppen und die FARDC insbesondere im Osten der DR Kongo weiterhin Kinder und benutzten sie für ihre Zwecke. Bewaffnete Gruppen, insbesondere die LRA und die FDLR, verschleppten weiterhin Kinder und setzten sie als Kämpfer, Spione, Sexsklaven oder Träger ein. Obwohl die FARDC bereits im Jahr 2004 formell die Rekrutierung von Kindern beendet hatte, wurde seither kein Aktionsplan zur Entlassung der Kinder aus der Armee verabschiedet, wie dies in den Resolutionen 1539 (2004) und 1612 (2005) des UN-Sicherheitsrats gefordert worden war.“

(Quelle: http://www.amnesty.de/jahresbericht/2012/kongo-demokratische-republik)

Und nach der Kolonialzeit kam weiter Ausbeutung, zuletzt durch Ruanda (die Tutsi-Milizen flohen in den Ostkongo) und durch Uganda die zeitweise Teile des Kongo besetzt hielten und ihren Staatshaushalt mit den Bodenschätzen aus dem Kongo finanzierten. Was aber immer funktionierte war die Ausbeutung der Rohstoffe des Landes. Es fand sich immer jemand der sie aufkaufte, egal unter welchen Bedingungen sie gewonnen wurden.  Angesicht der geraubten Rohstoffe wäre der Kongo heute ein reiches Land wenn sie zu fairen Preisen bezahlt worden wären.

So bleiben über Generationen erlebte und praktizierte immer wiederholte Grausamkeiten im kollektiven Gedächnis. Das entschuldigt nichts, aber es hilft vielleicht zu verstehen und die Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte und der modernen Industrienationen an dieser Situation zu verstehen.

 


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